Cäsar
W. Radetzky
"Homer Zyklus" · Ilias und Odyssee
Studiert man aufmerksam die homerischen Epen Ilias und Odyssee, 10 Jahre Krieg
und
weitere 10 Jahre Irrfahrten, in 28000 Hexameterversen zusammengefasst, erfährt
man,
dass eine von Eris, der Göttin der Zwietracht eingefädelte Intrige,
den Königssohn Paris mittels eines Apfels zu einem verhängnisvollen
Urteil verleitete,
das letztendlich zum Beginn des Trojanischen Krieges führte.
Auch Cäsar W. Radetzky beginnt mit dem Bild „Urteil des Paris“ seinen
Homer Zyklus. Er umfasst 11 großformatige, zum Teil quadratische Leinwände,
sowie
7 Vorskizzen auf Leinwand, Papier und Karton.
Neben Öl- und Acrylfarben wurden noch weitere Materialien verwendet, auf
die ich im Folgenden ausführlicher eingehen werde.
Die Kombination von Farbe und Material hat in den 70-er Jahren Radetzkys künstlerisches
Schaffen
das erste Mal bestimmt. Der Rückgriff auf diese bereits früher
verwendete Technik schien jedoch angebracht, als in ihm der Wunsch aufkeimte,
einen Homer
Zyklus zu schaffen, d.h. den Dichter und sein Werk in unserer Zeit neu zu verorten, mit
Mitteln die in die Moderne weisen und doch wieder nicht.
Bei der ersten Betrachtung dieser Bilder ist eine augenfällige kompositorisch
erzeugte vertikale Dreiteilung der Fläche zu erkennen, geschaffen mit Streifen,
die
wie festigende Pfeiler und Balken erscheinen, allesamt in einer Farbe dargestellt
und bisweilen aufgelockert durch die Muster von Tapetenwalzen. Die Trennelemente
bestehen aus Holzleisten, Pappen, abgrenzenden Farbfeldern oder Linien und geben
so jedem
Bild eine eigene Struktur trotz wiederkehrender Motive.
Radetzky verwendet kräftige Farben, passend zu den einzelnen Themen. Grau
für das Urteil des Paris , dessen tragische Entscheidung der Krieg
um Troja
zu verdanken gewesen sein soll. Grau ist auch die Farbstimmung im Gemälde
um Kassandra, denn sie ist in beklemmender Ahnung um diesen Krieg und
seinen Ausgang, befangen durch göttlichen Willen, verurteilt in der Welt
des Sehers zu verweilen.
Auch Kirkes Macht , groß genug Strahlendes zu schaffen, verkommt,
wird - wie alles Entsetzliche im Krieg – fleckig gelb. Polyphem , der Zyklop,
und das trojanische Pferd , sind in unserer Welt nicht mehr als plumpe,
roboterähnliche Wesen, die alles in ihrer eigenen Unbeholfenheit niederwalzen.
So wie unserer Zeit die Anmut genommen wurde, erscheinen auch sie roh und ungelenk.
Ein weiteres Merkmal, die vielen aufgeklebten Pappen, Packpapiere oder Tapeten
sind auffällig. Die Bedeutung ihrer Verwendung wird offensichtlich. Pappkarton
als Material des Überflusses, flachgedrückt, aber unter Beibehaltung
der originalen
Markierungen
auf der Oberfläche, weist auf seine Geschichte hin, führt aber zugleich
auch in die Geschichte des Bildes.
Was dem Künstler sehr am Herzen liegt sind real existierende Personen aus
seinem unmittelbaren Umfeld. Um sie in seine Bilder einzubinden, ja ihre Präsenz
dauerhaft hervorzuheben, werden ihre Fotos auf Vinylnetz gedruckt und anschließend
auf die
Leinwände montiert. Bei diesen Personenfotos handelt es sich jedoch nicht
mehr um Porträts oder Aktbilder im konventionellen Sinne. Als Handyfoto
von
Radetzky
aufgenommen, am Computer überarbeitet und verfremdet, sind sie entpersonalisiert
und
somit zu allgemein gestalterischem Material geworden. Ein Spiegel unsere Zeit
vielleicht, die über Menschenmaterial verfügt und jeden von uns zum
Abziehbild
macht?
Betrachtet man den Zyklus weiter, so fallen Gegenstände wie Brillen, Postkarten,
oder Mon Cherie Schachteln auf. Relikte unserer ach so heilen Konsumwelt, die
manchmal überzuborden droht. Weiter werden Motive verwendet wie Schneeschuh,
Setzkasten, Rad, Auge und andere. Sie alle untermauern Radetzkys These vom selbstverschuldeten Untergang
unserer Welt.
Welches Bild auch immer betrachtet wird, man wird sofort mitgenommen auf den
Weg
dessen Geschichte zu ergründen. Dies geschieht nicht von ungefähr,
denn dem Betrachter wird vom Künstler Wesentliches zum Verständnis
an die Hand gegeben,
um auf das Dargestellte hinzuweisen, wie etwa Wörter in Drucklettern oder
Initialen.
Will man das Geschehen im Bild erfassen, sollte man die jeweiligen Einzelheiten
ausdeuten: z.B. die Würfel. Wer kennt ihn nicht, jenen berühmt
berüchtigten Spruch: „die Würfel sind gefallen”! Für
die beiden Kämpfer
Achill und Ajax vielleicht,
angedeutet durch die großen Initialen? Gleichwohl das Schachbrett, welches
als Symbol der Taktik auf das Planvolle kriegerischer Auseinandersetzungen verweist. Doch
noch herrscht gelassene Freude beim Spiel, dies lässt uns die Aufschrift „what
a
feeling“ einer eingearbeiteten Postkarte vermuten.
Es gibt aber auch eine dunkle Seite des Schicksals und des Bildes. In einem schwarzen
Feld,
eingefasst von einem aufmontierten Holzrahmen, ist das Fragment einer südlichen
Stadt zu erkennen. Ein Fragment das nicht nur vielleicht, sondern
sicher auf die bevorstehende Zerstörung verweist, ebenso wie auf der am
unteren linken Bildrand befindlichen realen Kriegsszene aus dem Nahost Konflikt.
Einem Krieg,
als taktische Unternehmung geplant, der angeblich nur wenig Aufwand und wenig
Zeit in Anspruch nehmen sollte.
Ebenso aufschlussreich und lesbar sind die Hinweise im Bild „Urteil des
Paris“. Am linken Bildrand der Bildmitte ist ein Holzsetzkasten montiert,
mit einer Kuhherde bestückt, als Verweis auf Paris Tätigkeit als Hirte,
während seiner
Vertreibung vom
Hofe des Priamos. Die Kongruenz dieser Tätigkeit als Kuhhirte, mit der Georges
Bushs als Rancher und Farmer, ist vom Künstler bewusst gewählt, wenn
er ihm
die Rolle seines Paris zuteilt. Grüne Farbstreifen die das Bild vertikal
und horizontal nach
oben laufend durchtrennen, symbolisieren Weideland, auf dem sich das Kuhmotiv
wiederholt. Der linke Bildrand wird mit einer Reihe Ansichtskarten abgeschlossen,
die neben antiken Wand- und Vasenmotiven sowie Bade- und Strandszenen aus dem
Schwarzmeer Raum,
auf die geographische Lage des damaligen Troja oder dessen Ausgrabungsort
hinweisen könnten.
Radetzky hat sich, wie er mir während der Entstehung dieser Bilder oft sagte,
aufs Glatteis gewagt mit einer alten aber für ihn z. Z. neuen Sichtweise
der
Bildgestaltung, des Materialbildes. Dieses Wagnis einzugehen hat sich gelohnt.
Indem er die Antike
mit der Zeitgeschichte überblendet, hat er brillant den Abgrund sichtbar
gemacht, an dem sich unsere Welt befindet. Angeregt durch die Ausstellung Mythos
Troja, der
Auseinandersetzung mit der RAF und der Einbeziehung unserer heutigen Politik,
wurde
ein künstlerisches Werk mit beeindruckendem Ergebnis geschaffen. Von neuem
hat er Fragen aufgeworfen, die längst beantwortet schienen.
Wofür sterben Menschen? Wer dirigiert sie? Gibt es einen Fortschritt? Mit
anderen Worten: Cäsar W. Radetzky ist durch diese Arbeiten seiner Zeit
voraus.
Monika Jekel, M. A.
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Einladung zur Vernissage Sonntag, 8. November 11:30 Uhr

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